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15.09.15

Komplexer Minimalismus? Der verkannte Dialog zwischen Form und Funktion

Was macht gutes Design aus? Ist es die Summe von Form und Funktion oder deren Schnittmenge? Kaum ein Gestaltungsprinzip hat dem Design derart seinen charakteristischen Stempel aufgedrückt, wie der Leitsatz „Form Follows Function“. Was auf den ersten Blick wie ein asketisches Design-Dogma anmuten mag, ist beim genaueren Hinsehen ein Aufruf zu einer „bis ins letzte Detail konsequenten“ Gestaltung. Ziel ist jedoch kein gestalterischer Monolog der Funktion, sondern vielmehr ein kreativer Dialog mit der Form.

Als Begründer der Idee gilt der amerikanische Architekt Louis Sullivan. Bezeichnenderweise beruhen die Beobachtungen des „Vaters der Hochhäuser“ auf den unübertrefflichen Kreationen der Natur. Eine Tatsache, die beinahe sinnbildlich ist für den mitunter kontrovers diskutierten und oftmals missverstandenen Leitsatz, wonach die Form unweigerlich der Funktion folgt. Doch nicht der Verzicht auf dekorative Elemente bildet die Quintessenz seiner These, sondern die Notwendigkeit deren Funktionalität.

FFF als Leitmotiv

Der Grundsatz, die Form der Funktion unterzuordnen, hat eine Vielzahl von Strömungen und Konzepten nachhaltig geprägt. Eine der einflussreichsten Interpretationen hierzulande ist die Bauhaus-Bewegung. Konträr zu Sullivans Idee, propagiert diese jedoch den „Verzicht auf jegliches Ornament“. Egal ob Architektur oder Produktdesign, Sachlichkeit sollte Kerngedanke der Gestaltung sein. Walter Gropius’ Idee von der „guten Form“ als Credo der Bauhaus-Idee, mit dem Ziel Kunst und Handwerk verschmelzen zu lassen. Einfache Formensprache und Verzicht auf Dekorationselemente als Wesenselemente eines Minimalismus, der für die Moderne stilbildend gewesen ist. So war es Ludwig Mies van der Rohe, der den literarischen Ausspruch „Weniger ist mehr“ aufgriff und in Form von architektonischen Gebilden buchstäblich Gestalt verlieh.

Die „Neue Sachlichkeit“ in der Architektur oder die „Neue Einfachheit“ in der Musik – die Reduzierung auf das Wesentliche war fortan Stilmittel einer Reihe von Künstlern. Auch religiöse Weltbilder predigen Verzicht und Anspruchslosigkeit und können als Zelebration eines minimalistischen Lebensstils verstanden werden. Jedoch galt es vor allem in Kunst und Kultur, einen „komplexen Minimalismus“ zu kreieren.

FFF in der Typografie

Auch im Bereich der typografischen Gestaltung hat die neuentdeckte Sachlichkeit systematisch ihre Spuren hinterlassen. Eine Entwicklung, die besonders am Beispiel der sogenannten „Schweizer Typografie“ sichtbar wird: asymmetrische Darstellung, Gestaltungsraster, extreme Weißräume sowie der weitgehende Verzicht auf Schmuckelemente. Merkmale, die gleichermaßen charakteristisch sind für modernes Grafikdesign allgemein.

Zu den prägendsten Figuren der Schweizer Typografie zählt ohne Zweifel Adrian Frutiger. Besonders mit den von ihn gestalteten Schriften Univers und Frutiger hat er sich eindrucksvoll und unverkennbar in den Geschichtsbüchern des Designs verewigt. Ein weiterer bedeutender Vertreter des Schweizer Stils war Josef Müller-Brockmann. Als Anhänger der „sachlichen Grafik“ lag sein gestalterischer Schwerpunkt in erster Linie auf geometrischen Formen sowie typografischen Elementen, wobei Proportionen und Abstände in einem strengen mathematischen Verhältnis zueinander standen. Die Komposition seiner Bildelemente basierten auf einem Rastersystem, welches nach wie vor ein Gestaltungskonzept im Bereich Grafikdesign darstellt. Auch eine der am weitesten verbreiteten serifenlosen Schriftarten entspringt der Riege Schweizer Schriften: die vom Grafiker und Typograf Max Miedinger entworfene Helvetica. Ausstellungen, Bücher und sogar ein Dokumentarfilm sind ihr gewidmet! Auch der globale Trendsetter Apple hat die zeitlose Schrift inzwischen für sich entdeckt und zur Systemschrift gemacht.

Wie viel FFF steckt im heutigen Webdesign?

Untersucht man den Stellenwert von „Form Follows Function“ bei der Gestaltung von Internetseiten, wird man auch hier einen Hang zum Minimalismus feststellen. War die gestalterische Einfachheit in der Anfangszeit des Webdesigns noch vorwiegend technischen Einschränkungen geschuldet, ist sie heutzutage eine bewusste Entscheidung. Web-Usability-Guru Jakob Nielsen ist ebenfalls ein Verfechter des „Less is more“-Prinzips und Prediger von „Simplicity“ – auch wenn seine Herangehensweise eher den Aspekt Benutzerfreundlichkeit im Auge hat und weniger die Ästhetik.

Minimalistisches Webdesign zeichnet sich vor allem durch die Reduzierung auf die wesentlichen Designelemente aus. Der Webseite Struktur verleihen auf Grundlage eines Rastersystems oder mit dem großzügigen und gezieltem Einsatz von Weißraum die Hierarchie von Inhalten herausstellen. An der Schnittstelle von Schriften, Farben und Formen gilt es gestalterische Entscheidungen zu treffen, die den Unterschied ausmachen können zwischen einer ansprechenden Seite und einer überzeugenden. Je nachdem, wie gut Form und Funktion in Einklang gebracht werden.

Was also macht gutes Design letztendlich aus? Der renommierte Industriedesigner Dieter Rams schließt seine vielzitierten „Zehn Thesen für gutes Design“ mit einem Gedanken, der die FFF-Idee auf unnachahmliche Art und Weise verbalisiert: „Gutes Design ist so wenig Design wie möglich.“